Kölnische Rundschau vom 6.1.2003
Der Kongress ließ die Puppen tanzen
Von TIM GERRIT KÖHLER

PULHEIM. „Wenn du auf der Bühne stehst, kannst du all das verwirklichen, was du schon immer machen wolltest.“ Andrea Haupts Augen strahlen begeistert. Es ist das Strahlen jener Menschen, die von der Leidenschaft erzählen, der sie sich mit Leib und Seele verschrieben haben. Ähnlich leuchtende Augen haben auch die rund sechzig anderen Männer und Frauen, die an diesem trüben Winterabend bei Gulaschsuppe und Kölsch im Pulheimer Kultur- und Veranstaltungszentrum Walzwerk sitzen. Es sind Regisseure, Bühnenbildner, Figurenbauer und Darsteller, die hier am 35. Bundeskongress des Verbandes Deutscher Puppentheater (VDP) teilnehmen. 
Für ein verlängertes Wochenende ist Pulheim das Mekka der Puppenspielkunst: Auf dem Parkplatz stehen Lieferwagen und Vans aus allen Winkeln des Bundesgebiets. Von Stuttgart und Nürnberg bis Berlin und Hamburg ist alles vertreten, was in der deutschen Puppenspieler-Szene Rang und Namen hat. Neben Fachgesprächen und Diskussionen stehen auch verschiedene Theateraufführungen auf dem Terminplan des Kongresses. Je drei Kinder- und Erwachsenenstücke sollen einen unterhaltsamen Einblick in die vielfältige Welt des Puppentheaters geben. Die Initiative zu diesem Festival ging von der Pulheimer Puppenspielerin Mecki Claus aus, die in den vergangenen Jahren das ehemalige Fabrikgelände des Walzwerks zu einer Kulturinstitution umgewandelt hat.
Ein ähnliches Projekt realisierte auch Andrea Haupt: 1990 gründete sie gemeinsam mit einer Freundin das Wolfsburger Figurentheater, das hauptsächlich Theaterstücke für Kinder im Repertoire hat. Jährlich stellen Haupt und ihre Mitstreiter etwa fünf Produktionen auf die Beine, was angesichts der hohen Kosten jedes Mal ein kleines Wagnis ist: Zwischen 15 000 und 25 000 Euro verschlingt eine durchschnittliche Aufführung, an dem neben dem Regisseur und den Puppenspielern auch Figurenbauer, Requisiteure, Schneider und Musiker beteiligt sind.
Wie die meisten Puppenspieler ist auch Andrea Haupt eher zufällig zu ihrem Beruf gekommen. Zunächst nur an klassischem Theater interessiert, besuchte sie eines Tages die Aufführung einer kleinen Bielefelder Puppenbühne - und war auf Anhieb fasziniert von der Welt der kleinen, liebevoll gestalteten Figuren. Nach einigen Jahren Lehrzeit als freie Mitarbeiterin folgten erste eigene Inszenierungen und schließlich mit Gründung des eigenen Theaters der Schritt in die Selbständigkeit.
Auch wenn es keinen klar vorgegebenen Weg zum professionellen Puppenspieler gibt, mache man sich in ihrer Zunft keine Sorgen um den Nachwuchs, berichtet die Geschäftsführerin des Verbandes Deutscher Puppentheater, Britta Wolfgramm. „Zum einen gibt es mittlerweile zwei Studiengänge ,Figurentheater´, zum anderen werden an den bestehenden Bühnen laufend neue Talente an die Kunst des Puppenspiels herangeführt.“ Der VDP, dem rund 130 Bühnen in der Bundesrepublik angehören, bietet daher neben Lobbyarbeit und künstlerischem Austausch auch Seminare zur Nachwuchsförderung an.
Dass das Puppentheater weitaus mehr als Kasperle-Geschichten zu bieten hat, zeigt sich spätestens am Abend des ersten Kongresstages. Mit einer Aufführung von „Schlafes Bruder“ entführen das Theatrium Bremen und die Shakespeare Company ihr Publikum in die Welt des Bauernsohns und verkannten Genies Johannes Elias Alder. Atmosphärisch stimmig und mit viel Gespür für Untertöne arbeitet Puppenspieler Detlef Heinichen die Feinheiten des 1992 erschienenen Bestsellers von Robert Schneider heraus. Durch die Dynamik, die die eigens für das Stück gefertigten Stab- und Handpuppen entwickeln, entsteht vor dem düster-melancholischen Bühnenbild Matthias Hänsels ein Mikrokosmos, der die Zuschauer unweigerlich in seinen Bann schlägt. 
Als nach knapp zwei Stunden die Lichter im Saal wieder angehen, kann man es in den Augen Andrea Haupts und ihrer Puppenspieler-Kollegen wieder sehen: das Leuchten, das von ihrer großen Leidenschaft kündet.


Kölner Stadtanzeiger vom 7.1.2003
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