Der
Kongress ließ die Puppen tanzen
Von
TIM GERRIT KÖHLER
PULHEIM.
„Wenn du auf der Bühne stehst, kannst du all das verwirklichen, was
du schon immer machen wolltest.“ Andrea Haupts Augen strahlen begeistert.
Es ist das Strahlen jener Menschen, die von der Leidenschaft erzählen,
der sie sich mit Leib und Seele verschrieben haben. Ähnlich leuchtende
Augen haben auch die rund sechzig anderen Männer und Frauen, die an
diesem trüben Winterabend bei Gulaschsuppe und Kölsch im Pulheimer
Kultur- und Veranstaltungszentrum Walzwerk sitzen. Es sind Regisseure,
Bühnenbildner, Figurenbauer und Darsteller, die hier am 35. Bundeskongress
des Verbandes Deutscher Puppentheater (VDP) teilnehmen.
Für
ein verlängertes Wochenende ist Pulheim das Mekka der Puppenspielkunst:
Auf dem Parkplatz stehen Lieferwagen und Vans aus allen Winkeln des Bundesgebiets.
Von Stuttgart und Nürnberg bis Berlin und Hamburg ist alles vertreten,
was in der deutschen Puppenspieler-Szene Rang und Namen hat. Neben Fachgesprächen
und Diskussionen stehen auch verschiedene Theateraufführungen auf
dem Terminplan des Kongresses. Je drei Kinder- und Erwachsenenstücke
sollen einen unterhaltsamen Einblick in die vielfältige Welt des Puppentheaters
geben. Die Initiative zu diesem Festival ging von der Pulheimer Puppenspielerin
Mecki Claus aus, die in den vergangenen Jahren das ehemalige Fabrikgelände
des Walzwerks zu einer Kulturinstitution umgewandelt hat.
Ein
ähnliches Projekt realisierte auch Andrea Haupt: 1990 gründete
sie gemeinsam mit einer Freundin das Wolfsburger Figurentheater, das hauptsächlich
Theaterstücke für Kinder im Repertoire hat. Jährlich stellen
Haupt und ihre Mitstreiter etwa fünf Produktionen auf die Beine, was
angesichts der hohen Kosten jedes Mal ein kleines Wagnis ist: Zwischen
15 000 und 25 000 Euro verschlingt eine durchschnittliche Aufführung,
an dem neben dem Regisseur und den Puppenspielern auch Figurenbauer, Requisiteure,
Schneider und Musiker beteiligt sind.
Wie
die meisten Puppenspieler ist auch Andrea Haupt eher zufällig zu ihrem
Beruf gekommen. Zunächst nur an klassischem Theater interessiert,
besuchte sie eines Tages die Aufführung einer kleinen Bielefelder
Puppenbühne - und war auf Anhieb fasziniert von der Welt der kleinen,
liebevoll gestalteten Figuren. Nach einigen Jahren Lehrzeit als freie Mitarbeiterin
folgten erste eigene Inszenierungen und schließlich mit Gründung
des eigenen Theaters der Schritt in die Selbständigkeit.
Auch
wenn es keinen klar vorgegebenen Weg zum professionellen Puppenspieler
gibt, mache man sich in ihrer Zunft keine Sorgen um den Nachwuchs, berichtet
die Geschäftsführerin des Verbandes Deutscher Puppentheater,
Britta Wolfgramm. „Zum einen gibt es mittlerweile zwei Studiengänge
,Figurentheater´, zum anderen werden an den bestehenden Bühnen
laufend neue Talente an die Kunst des Puppenspiels herangeführt.“
Der VDP, dem rund 130 Bühnen in der Bundesrepublik angehören,
bietet daher neben Lobbyarbeit und künstlerischem Austausch auch Seminare
zur Nachwuchsförderung an.
Dass
das Puppentheater weitaus mehr als Kasperle-Geschichten zu bieten hat,
zeigt sich spätestens am Abend des ersten Kongresstages. Mit einer
Aufführung von „Schlafes Bruder“ entführen das Theatrium Bremen
und die Shakespeare Company ihr Publikum in die Welt des Bauernsohns und
verkannten Genies Johannes Elias Alder. Atmosphärisch stimmig und
mit viel Gespür für Untertöne arbeitet Puppenspieler Detlef
Heinichen die Feinheiten des 1992 erschienenen Bestsellers von Robert Schneider
heraus. Durch die Dynamik, die die eigens für das Stück gefertigten
Stab- und Handpuppen entwickeln, entsteht vor dem düster-melancholischen
Bühnenbild Matthias Hänsels ein Mikrokosmos, der die Zuschauer
unweigerlich in seinen Bann schlägt.
Als
nach knapp zwei Stunden die Lichter im Saal wieder angehen, kann man es
in den Augen Andrea Haupts und ihrer Puppenspieler-Kollegen wieder sehen:
das Leuchten, das von ihrer großen Leidenschaft kündet. |
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