Helmut Schmale

*1934 in Emden; war Pfarrer in Köln-Lövenich und
Frechen-Königsdorf, wo er auch heute noch lebt; 
Leiter einer VHS-Schreibwerkstatt, Mitglied mehrerer Autorenvereinigungen; veröffentlichte Lyrik und Prosa in Anthologien, Zeitschriften und im Rundfunk sowie mehrere Gedichtbände, zuletzt 2001 "Im Tal der Zeichen" (Calatra Press, 
Lahnstein).

Gedichte sind empfänger antennen 
seismografen echolote 
suchmeldungen 

versuche: gott dieses geköhlerte wort 
noch einmal zur glut zu bringen 
zur weißglut 

manchmal auch wutausbrüche 
gegen zahnlose engel 
mit ihrem kyrieleison 

aber 
gedichte sind 
keine erfolgsmeldungen 

- - - 

unter meinen lidern 
licht 
schwarzes licht 
der milchstraße 
entliehen 

funken 
wie vokale 
vom euphrat 
von babel 
 

NACHTSCHRIFT 

der tag erblindet 
meine augen träumen 
im lidschatten 

nach luftsprüngen 
ist mir nicht zumute 
überhaupt: mut wozu 

in der nacht aber 
lichtmetaphern 
in blindenschrift 
 

FLÜCHTIG 

in einem atemzug 
inhaliere ich alle 

in rauch gewendete 
fluchtworte 

ich entferne mich 
zug um zug


Gynter Mödder

*1942 bei Köln, lebt in Bergheim-Glessen; Nuklearmediziner und Schriftsteller; über 100 wissenschaftliche Veröffentlichungen, mehrere Lehrbücher (auch in engl., span., ital.); Herausgeber, Sachbuchautor, Verfasser von Gedichten, Erzählungen und Romanen, u. a. "Laßt mich leben!" - Embryonalroman (Rake-Verlag Kiel, 1996); Mitglied im VS und P.E.N. (Freundeskreis).

VERZEIT

Bald bin ich Hundert
Im Endspurt die Zeit
Gewöhnung ans Tempo
Der Ewigkeit
Fünf Milliarden Jahre
Nur Windgebraus
Neues Leben
Knipst Ewigkeit aus
Alles Neue ein Kind
Von Amnesie und Neu-Gier
Was da spiralt
... sind wir

Uralte Jahre, uhralte Zeit
Zeit-Los -: Eine Niete
Verzeit! 
 

WER-WOLF

Wer andern eine Grube gräbt,
hat allen Grund zum Grübeln. 
Wer Toten keine Rente zahlt ...
Wer wollte das verübeln?
Wer wehrt sich ohne jeden Grund,
und sei der noch so nichtig!
Im aufgeblähten Weltenrund
ist selbst ein Gott noch wichtig.
 

3MAL WEH

www vernetzt das Hirn,
Cyberspace von Monsterspinnen.
Weh, weh, weh, mir armem Tropf.
Das Ich will mir entrinnen.
Denn hinter meiner dumpfen Stirn 
Trödeln schneckige Gedanken, 
Und mein Cro-Magnon-Gehirn
Verwaist das Web in Schranken. 


Renate Mödder-Reese

*1944 in Eckernförde, lebt in Bergheim-Glessen; Fachärztin für Innere Medizin, "Flugmausmalerin" und Lyrikerin; Buchillustrationen; Gedicht-Veröffentlichungen in mehreren Anthologien, Zeitschriften und belletristischen Monographien, u. a. 1994 in "Blumenbilder mit Gedichten", von Maria Reese und Carl Lambertz.

Geh mir aus dem Weg, Zeit
Hol mich nicht ein, Zeit
Nimm eine Aus, Zeit
Laß mich in Ruh, Zeit
Stör mich nicht, Zeit
Laß mir Zeit, Zeit
 

LEISTUNGSGESELLSCHAFT

Gemessen wird der Tag daran,
was getan wurde,
was erlebt wurde,
was unternommen wurde,
was erledigt wurde,
was geschafft wurde,
was passiert ist,
was stattgefunden hat,
nicht aber daran,
ob die Nachtigall singt,
wie der Phlox duftet,
ob eine weise Katze
mit Dir geplaudert hat,
ob eine ferne Wolke
dir etwas zuruft,
wie der Wind schmeckt,
wie der Regen singt ...
 

VORÜBER

Mehr als nur ein Gehäuse
ist Dein Haus.
Mit Deinem Geist
belebst Du es.
Noch auf dem Tisch
die ausgelegten Patiences,
als wolltest Du uns sagen:
"Habt Geduld."

Die neue Wohnstatt
- der Sarg - nur ein Gehäuse
für eine Wohnstatt,
einst Herberge
für Deine Seele,
die nun, befreit
aus der Gefangenschaft
des Körpers,
sich neue Räume sucht.


Elmar Ferber

*1944 in Gummersbach, lebt und arbeitet als Autor und Regisseur in Köln-Lövenich; zahlreiche Dokumentationen der großen Sendeform für ARD und ZDF (auch als Produzent); Herausgeber vieler Lyrik- und Prosa-Anthologien; mehrere Veröffentlichungen, zuletzt 2002 "Der Tangotänzer oder Die Seufzer des Bandoneons" (Roman); u. a. Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller.

jenseits der spuren 
ein bild heraufbeschwören 
nachts: während der fahrt 

- - - 

abschied und ankunft 
des nachts herbstregengefühl 
an vertrautem ort 

- - - 

Im Frühlingsregen 
erste Laufmaschen zählen: 
Was für ein Drama. 
 

AM MEERESRAND 

Nach und nach bricht Idylle 
Wolkenknäuel rasen zeitgeraffert 
über die himmlische Großleinwand 

In bleifrei geschwängerter Luft 
drängeln Fensterläufer auf dem Trottoir 
Kellner knipsen flink die Sonne an 

während am Horizont 
kübelweise 
rote Farbe ins Meer gekippt wird. 


Christa Wißkirchen

*1945 in Bad Frankenhausen/Thüringen,
lebt in Pulheim;
Prosa und Lyrik in Zeitschriften und Anthologien (u. a. bei C. H. Beck, dtv, Luchterhand);
veröffentlichte zwei Kinderbücher und
2001 den Lyrikband "Blickfeld";
1991 Bopparder Literaturpreis

ROSEN-ORT 

Reißt mich aus und ihr findet: 
gnomig Verkrümmtes, 
zerfasert, beschmutzt, 
ein schüttres Geflecht. 
Aber ich bins. 
Was ich aus holzigem Stumpen 
euch in die Luft schick, 
dienendes Schönzeug, windbewegt, 
auf die Bühne des Blühens und Welkens, 
pflückt es euch, preist es, blutet am Dorn. 
Aber hier unten, 
liebend ins Erdreich geklammert, 
zeugend, tragend, 
die Rose, 
ich bins. 
 
 

NACH ABSCHAFFUNG DES SPIEGELS 

Zusammenziehn bewirkt Trübung, Verengung, 
das sind diese fransigen Ränder, 
die sich schließen des Nachts. 
Abwärts schielen: fleischiger Stumpen, 
Schnute geahnter Wulst, 
Zungenspitze grad noch Randphänomen. 
Seitlich tastbar die nie gesehenen 
knorpligen Labyrinthchen: 
hast du auch zeig mir ich dir. 
Sehn laß mich sehn ich sehe, 
doch das Gesicht 
hast du. 
 

GROSSER BRUDER 

Ich sag Mamapapa     Du sagst Vatermutter 
Ich sag Eltern     Du sagst mein Erzeuger 
Ich sag Liebe     Du sagst Projektion 
Ich sag Schule     Du sagst System 
Ich sag Weihnachten     Du sagst Mythos 
Ich sag Beziehung     Du sagst Liebe 
Ich sag Rezeptionsästhetik     Du sagst schön 
Ich sag Sozialisation     Du sagst die braven Leutchen 
Ich sag Zeithorizont     Du sagst morgen 
            Du sagst Sterben 
            Ich sag Kultur des To-


Axel Kutsch

*1945 in Bad Salzungen/Thüringen,
lebt in Bergheim/Erft; 
Prosa und Lyrik in Zeitschriften, Schulbüchern, Anthologien (u.a. bei Artemis & Winkler, dtv, Luchterhand, Schöningh) sowie im Rundfunk (u.a. Bayerischer Rundfunk, Deutschlandfunk, WDR); 
Herausgeber zahlreicher Lyrik-Anthologien, mehrere Gedichtbände, 
zuletzt 1999 im Weilerswister Verlag Landpresse 
"Wortbruch" (mit Illustrationen von Franz Peters, Bergheim/Erft).

Axel Kutsch zum 60.
Dazu Presseartikel lesen [freiepresse.de]
Wir gratulieren Axel Kutsch. [Lesen]

KLANG EINES JAGDHORNS 

Die dünne Blutspur 
auf dem Laken aus Schnee. 
Aus der Ferne der zerrissene 
Klang eines Jagdhorns. 
Abends die kreisenden 
Gedanken und die Angst 
ich könnte mich verhört haben. 
 

DON QUIJOTE 

An hellen Tagen 
zieht er seine 
Windmühlenflügel an 
sattelt sein Pferd 
und reitet unter 
der schrägstehenden Sonne 
hinter seinem Schatten her. 

Sieh nur 
wie man vor mir flieht 
ruft er seinem Knecht zu 
der die Ufer ins Meer schiebt. 
 

FEIER DES WORTES 

Bevor Sie dieses Gedicht betreten, 
ziehen Sie sich bitte die Schuhe aus. 
Sie werden vom Autor darum gebeten. 
Sparen Sie am Ende nicht mit Applaus. 

Haben Sie sich schon die Hände gewaschen? 
Nein? Dann wird es aber höchste Zeit. 
Begegnen Sie Dichtung nicht mit der laschen 
Einstellung Ihrer Alltäglichkeit. 

Was glauben Sie denn, wo Sie gerade weilen? 
Hier findet eine Feier des Wortes statt. 
Spüren Sie nicht den Wohlklang der Zeilen, 
die der Autor für Sie geschrieben hat? 

Da darf er ein bißchen Respekt verlangen. 
Nehmen Sie gefälligst Haltung an. 
Gerade sitzen! Nicht so durchgehangen 
wie ein versoffener Liederjan. 

Die Zähne sollten Sie sich auch noch putzen. 
Ein Gedicht verträgt keinen Mundgeruch. 
Oder geht es Ihnen darum, zu beschmutzen, 
was Sie mehr fordert als ein Kalenderspruch? 

Lesen Sie langsam. Nehmen Sie sich Zeit. 
Sorgen Sie noch für gedämpftes Licht. 
Sind Sie jetzt endlich soweit? 
Dann genießen Sie dieses Gedicht.


Hans Ische

 *1949 in Braunschweig, lebt in Bergheim/Erft;
Lyrik in Anthologien des Verlages Landpresse
(Weilerswist) und der Bibliothek (neuer) Autoren;
gelegentliche Auftritte als Liedermacher und
Kabarettist, zuletzt 2001 zusammen mit Carsten
Gruber: "GrubIsche Welt" in der Cobra, Solingen.

FORTSCHRITT

Asche zu Asche
Geld zu Geld

Schöne neue Welt
 

ALTER NR. 3

Mit geschlossenen Augen
klingen Nachbars Kinder
wie Fernsehen.
 

LEBENSPLAN

Ich will,
daß die Sterne
nach mir greifen.

Zum üblichen Verfahren
bin ich zu faul. 
 

ZEIT

Die Zeit 
streichelt Deine Haut,
bis Blut kommt,
bis auf die Knochen
 

ÜBERREST

Die Augenhöhlen
starren leer,
die Nase nur
ein Loch.
Und trotzdem,
ohne Fleisch
ums Kinn,
trotzdem
grinst er noch


Franz Peters

*1956 in Bergheim/Erft, lebt dort;
Lyrik in Anthologien des Verlages 
Landpresse, Weilerswist; 
Buchillustrationen;
Ausstellungen als Bildender Künstler,
zuletzt 2002 "...der Wolf aber ist ein Räuber der Meere." im Pulheimer Kulturzentrum "Walzwerk".

Da gelangst du nicht hin 
bis zur Dünung 
du bleibst im Sand stehn. 
Da magst du ruhig gehen 
die Wege werden sich weisen 
da magst du gehen 
es bleiben 
die Heide eben und federnd 
und die Sümpfe trocken 
da magst du ruhig gehen 
der Nebel bleibt licht 
und die Sterne zeigen die Richtung 
da gelangst du nicht hin 
bis zur Dünung 
du bleibst im Sand stehn. 
 

Schrei 
ein Sog 
Augen quellen 
vor 
dem Blick 
zerrt sich 
das Gesicht 
aus dem Spiegel. 
 

NACH ALTER SITTE 

Der aber war von Macht und sprach die Tode. 
Der tat's und wurde ehrenvoll. 
Der tat's und brachte Schande. 
Der schätzte sie 
und wog sie schwer und leicht, 
und zählte seine Tage. 
Der sang den Hass und der sang die Versöhnung. 
Sie teilten ihren Tod. 
Der predigte und folgte seinen Worten. 
Der schwand im Rauch. 
Der rasselte, der spielte, der versank. 
Die aber hielt den Atem, ließ die Unschuld, 
grub alles aus und alles wieder ein.


Dolores Burkert
 
*1966 in Kattowitz/Polen, lebt in Bedburg/Erft; Prosa und Lyrik in Anthologien (u. a. Avlos, Dohr,
Dumont, Ferber und Landpresse); Mitherausgeberin von Anthologien; veröffentlichte 2004 den Gedichtband "Auf Reisen und Abwegen", Avlos-Verlag. (www.dolores-burkert.de) 
POLENS WIEDERKEHR
 
Eure Ankunft naht
an die Wurzeln
meiner Vergangenheit
das Selbstbild verschwommen
im Schwindelzustand
versuche ich zu übersetzen
was einst zu mir gehörte
 
Jede Gestik, jeden Laut
sauge ich euch in mich ein
flöße Erinnerungen
in mein Blut
belebe das Kind 
von einst
 
Du bist eine von Uns!
ruft ihr - stoßt an
laut die Gläser
stoßt an - immer lauter
bis die Erinnerungen zerschellen
das Selbstbild zu Boden fällt
und Haftung findet
 
Dann lasse ich euch los
in dem Glauben
es wäre so ...
 
 
LA BARRIE`RE DE L'ENFER
(DIE KATAKOMBEN)
 
Oben pulsiert 
Paris
darunter
liegen still
Millionen Gebeine
und Totenköpfe
säuberlich 
aufeinander gereiht
Muster ergebend
Zierde
modriger Galerien
 
am Ende
der Gebeinegänge
abgeklärte Faszination:
Zählunfähigkeit
nur eine Inschrift
hilft zu schätzen:
jedes Leben
hat seinen Tod
jeder Tod
hat sein Leben
 
 
RAUM
 
Wochen endloser
hektischer Aktionen
führen mich 
zu dir
in dieses Zimmer
 
wir haben alles versucht
nun scheint die Sonne
auf dein Gesicht
mit ihrem Strahl
auf meiner Hand
spüre ich
wie mein
hastiger Atem entspannt
 
ich streichle
deine Restwärme
endlich Ruhe
für dich
für mich
für die ganz Welt
in diesem Raum

Carsten Sebastian Henn

*1973 in Köln, lebt in Hürth;
Lyrik in Anthologien (u.a. bei dtv);
mehrere Gedicht- und Prosabände,
veröffentlichte zuletzt
2002 den Kriminalroman "In Vino Veritas" 
(Emons-Verlag, Köln);
1998 Jack-Gonski-Preis für Slam-Poetry.

ALL INCLUSIVE 

Friedlich voller Klarheit wie die See und keine 
Wolken nur Sonne keine Fragen das Schiff fährt 
Nur rudern zum Takt und nicht denken nicht 
Steuern nicht führen alles geht 
Seinen Gang alle Flüsse fließen doch ins 
Meer und jenseits dort ist 
Kein Land in Sicht auf allen sieben 
Meeren Ungeheuer 
 

WOHNUNGSNOT 

Ohne 
Dich existiert 
Diese Wohnung nicht 
Die Atome drehen 
Mir den Rücken 
Zu 
 

ENGLISCHER GARTEN 

Das Kleid das Sommer 
Kleid der Wind der Abend 
Wind das Bein das braungebrannte 
Bein der Schlüpfer der dünngewebte 
Schlüpfer die Hand die sacht geführte 
Hand der Bund der abgestreifte 
Bund der Po der wohlgeformte 
Po die Beine die weit gespreizten 
Beine der Baum der fest umklammerte 
Baum der Atem der kürzer werdende 
Atem die Furche die glänzende 
Furche die Berührung die zaghafte 
Berührung der Stoß der tief gleitende 
Stoß der Wahn der irrsinnige 
Wahn der Schrei 
Der Schrei


Gerrit Wustmann

*1982 in Köln, lebt in Kerpen;
Lyrik und Prosa in Anthologien (u. a. beim Bundesverband junger Autoren).

STADTLANDSCHAFT 

zwischen land gebaut 
fragiles hoch bevölkert 
in luftlöcher gestellt 
massiv doch 
irgendwie anderes schwanken 
autos zwitschern 
der herbst fällt aus fenstern 
auf asphalt 
grashalme 
schreiben auf schuhsohlen 
brechen ab 
un 
kraut unerwünscht 
die ameisen sind hier größer 
auf gekreuzten lichtungen 
rotorangegrüne bäume 
regeln die partnersuche 
 

IRGENDWO ÜBERM SCHLACHTHAUS 

in leise gebrochenem licht 
flanieren wir am rheinufer 
tütenrauch zum barbarossa 
platz gemisch von berbern 

finger wandern ungesehen 
tauchen ein während sich 
die domplatte zu uns herabsenkt 
ohne dass die saiten reißen 

ein orgelnder lufthauch 
fällt die brückenpfeiler 
 

APOKALYPTISCHE VISION 

tau eines neuen jahres 
liegt auf unsern schultern 
ein glas whisky zum anbeginn 
seiten eines frischen buches 
über nacht zu uns getragen 
all das 
wird werden 
wird auch wieder gehen

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